Mitteldeutscher Marathon 2003 - www.planet-coolrunners.de

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Mitteldeutscher Marathon 2003

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Von Händel zu Bach
Bericht vom 2. Mitteldeutschen Marathon von Halle/Salle nach Leipzig
oder
Warum ich nicht so bin wie Dieter Baumann

Am Sonntag, den 31. August war es wieder soweit. Zum dritten mal wagte ich mich über die 42195 Meter. Diesmal hatte ich mich gegen einen großen Stadtmarathon entschieden, sondern startete beim Mitteldeutschen Marathon, welcher erst 2002 Premiere hatte. Mitorganisiert wird diese Laufveranstaltung vom Doppelolympiasieger (1976 und 1980) auf der Marathondistanz, von Waldemar Cierpinski. Aber nicht diese Tatsache oder das auf der Strecke 1912 die erste Deutschen Marathonmeisterschaft gelaufen wurde, war der Grund hier an den Start zu gehen. Sondern der Heimvorteil hat mich bewogen hier zu starten. Erstens waren einige Leute da die speziell mich anfeuerten und zweitens, das darf man auch nicht vergessen - man spart etwas Geld, da Unterkunft und Verpflegung all inclusive ist, wie man so schön sagt. Recht vielen Dank dafür und für die Betreuung, speziell an meine Cousine und ihre Familie.

Das ich die im Vorjahr aufgestellte Zeit nicht annähernd laufen konnte, geschweige den unterbieten, war mir schon einige Wochen vorher klar. Gründe dafür waren einmal die Hitze (Temperaturen bis 40°C waren keine Seltenheit, aber dieses Problem hatten ja eigentlich alle), welche besonders Tempotraining unmöglich machte oder die ein oder andere Trainingseinheit ganz zum ausfallen zwang. Aber auch unregelmässigere Arbeitszeiten als im Vorjahr machten ein richtiges Training fast unmöglich. Zu meinen Glück kam auch noch eine Sprunggelenksverletzung, nachdem ich im Wald umgeknickt war, was über eine Woche Laufverbot mit sich zog. Am Ende fehlten mir neben den Tempoeinheiten fast 150 Trainingskilometer laut Trainingsplan.
Die Zielzeit wurde auf unter 4 Stunden bis auf einfach nur Durchkommen festgelegt. Insgeheim hoffte ich doch auf eine Zeit knapp über 3:30 Stunden, was einen 5 Minutenschnitt pro Kilometer bedeutet.

Nach den Temperaturen der letzten Monate zeigte das Thermometer am Start gerade noch 13°C. Ich entschied mich erstmal mit einem T-Shirt über dem Trägershirt zu laufen da es mir, bestimmt auch wegen der Aufregung die langsam hochkam, doch zu kalt war. Irgendwo auf den Anfangskilometern stand meine Cousine und ihr Mann und bis dahin hoffte ich auf Betriebstemperatur gekommen zu sein. Knapp 1000 Läufer/innen machten sich pünktlich um 09:00 Uhr auf den Weg in die Olympiabewerberstadt von 2012. Insgesamt nahmen genau 7269 Starter an allen Veranstaltungen teil, was einen neuen Teilnahmerrekord bedeutete. Es wurden neben dem Marathon noch ein Halbmarathon sowie ein Skate-Halbmarathon angeboten, welche auf halber Strecke starteten und ebenfalls in Leipzig einliefen. Auch hatte man die Möglichkeit sich die Marathondistanz zu teilen und in einer Vierer-Staffel zu laufen. Auch ein Triathlon wurde angeboten. Sehr schön fand ich, dass die Veranstalter auch die Jugendlichen auf die Marathonstrecke geholt haben. So traten Schulen aus Halle und Leipzig sowie den Umland gegeneinander an. Dieser Lauf hieß "42 laufen 42" und hatte den positiven Nebeneffekt, dass dann auf der Strecke an jedem Kilometer wenigsten die Schüler und die Betreuer standen. Ansonsten war es nämlich teilweise sehr lau mit der Zuschauerbeteiligung.

Aber nun zurück auf die Strecke und zum Lauf. Fast ganz hinten hatte ich mich eingeordnet, was aber kein Problem war, da nach nicht einmal 30 Sekunden das gesamte Feld auf der Strecke war. Relativ schnell ging das Feld an und der erste Kilometer war nach fast 5 min erreicht. Ich begann mich langsam nach vorne zu arbeiten und kurz nach Kilometer 2 hatte ich eine grössere Gruppe erreicht, in der eine Person groß auf dem Rücken stehen hatte: Zugläufer 3:30 h. Ich gesellte mich zu der Gruppe, musste aber zu meiner Überraschung feststellen, dass dieses Tempo mir zu langsam war. Also beschleunigte ich wieder ein wenig und es ging weiter nach vorne. Ich hoffte, wenn später der Einbruch kommen sollte, dass ich mich an diese Gruppe dranhängen könnte, um dann meine geheime Zielzeit zu erreichen. Bei Kilometer 6 hatte ich eine kleine Gruppe von 4 Mann gefunden, die einen guten 4:30´er Schnitt liefen. Denen schloss ich mich entgültig an. Kurz vor Kilometer 8 wurde ich mein T-Shirt los und bei Kilometer 10 verliessen wir Halle. Langsam bemerkten wir auch das Streckenprofil, welches in der Ausschreibung mit "in der ersten Hälfte wellig und in der zweiten profilierter" so wunderbar umschrieben war. Ganz leichten Anstiegen folgten kurze Abstiege. Diese Berg- und Talfahrt, wenn auch nur mit max. 30 Metern Höhenunterschied auf der Strecke, ging doch ganz schön auf die Beine und die Substanz, wie ich später feststellen musste. Wir liefen aber erstmal konstant weiter. Unser Tempo hatte sich bei 4:30 min/km eingependelt, an Kilometern mit Verpflegungspunkt waren wir ca. 10 Sekunden langsamer. Kilometer 11 liefen wir gar in 4:06 min, bedingt dadurch das es hier leicht abwärts ging. Bis zur Halbmarathonmarke, welche wir in 1:36:35 Std. erreichten, liefen wir noch gemeinsam. Ab da zerfiel unsere Gruppe merklich. Bei Kilometer 23 war es dann ganz geschehen. Ich war auf einmal ganz allein. Alle waren im Laufe des letzten Kilometers zurückgefallen und das von ihnen gelaufene Tempo war mir "noch" zu langsam. Ca. 400 m vor mir lief ein einzelner Läufer. An den versuchte ich Anschluss zu finden, was mir aber nicht gelingen sollte. Bei Kilometer 25 bemerkte ich das erste mal, dass meine Oberschenkel dicht machten. An jeder Verpflegungsstation wurde nun auch die Oberschenkel gekühlt und während dem Laufen leicht massiert. Es wurde aber nicht besser. Relativ früh bekam ich das schnelle Anfangstempo und das fehlende Training zu spüren. Die Strecke welche ja seit Halle nur noch über freies Gelände ging, durchquerte nur selten ein Dorf. Außer den Streckenposten, den Schülern an ihren Wechselmarken und ab und zu ein paar Leuten in den Dörfer gab es niemanden der uns anspornte. Gut gemeinte musikalische Unterstützung ging teilweise auch voll daneben, spielten doch irgendwo zwei Mädels frei nach dem Motto dieser Veranstaltung "Von Händel zu Bach" klassische Musik auf ihren Geigen. Nach meinem Kenntnisstand ist aber kein/e Läufer/in eingeschlafen.
Ab und zu holte ich einen Läufer ein, welcher zurückfiel. In der Zwischenzeit hatten wir Randgemeinden von Leipzig, wie z.B. Schkeuditz erreicht. Meine Oberschenkel schmerzten immer mehr und wurden mit jedem Schritt schwerer. Beim Verpflegungsstand bei Kilometer 33 entschied ich mich dann das erste mal stehen zu bleiben und meine Oberschenkel zu dehnen. Während ich trank zog ich das rechte Bein nach hinten um den vorderen Oberschenkelmuskel zu dehnen. Aber was war das: Im selben Moment bekam ich in der rechten Wade eine Krampf. Schnell war ein Betreuer da, welcher mich vom Umfallen abhielt. Gemeinsam massierten und kühlten wir die Wade, in dem wir Wasser drauf schütteten. Nach ca. 2 min versuchte ich weiter zu kommen. Noch einige Stop and Go´s dann konnte ich weiter laufen. Das die nun zwischen 5 und 5:30 min/km war, könnt Ihr euch bestimmt denken.
Dann bei Kilometer 36. Da ruft doch jemand: "Frankie, das sieht gut aus. Du schaffst das. Ist nicht mehr weit." Ich blicke nach oben und sehe meinen Onkel. Neben ihn meine Tante und etwas versteckt meine Mutter. Sofort drosselte ich das Tempo und gehe zu ihnen hin. Diese zwei Minuten gönne ich mir, denn der Kopf schreit schon seit längerem: "Bleib doch einfach mal wieder stehen." Wir verabreden uns für später und es geht weiter. Einige Halbmarathonläufer überholen mich. Egal, denn die sind ja auch noch frischer. Bei Kilometer 38 dann das Unerwartete. Die Wade fängt wieder an zu zwicken. Sofort bleibe ich stehen und gehe weiter, bis der Schmerz nachlässt. Dann wird weiter gerannt. Nach wenigen Metern sofort wieder das Zwicken. Also wieder gehen. Meist ging ich 100 m und zum Laufen kam ich dann auf die doppelte Distanz. Und das ganze ging bis kurz vor Kilometer 40. Ich war am Verzweifeln. Da ich noch nie so etwas gehabt habe, dachte ich sofort das war es jetzt. Der Trainingsrückstand und das schnelle Anfangstempo zwingen mich drei Kilometer vor dem Ziel zur Aufgabe. Aber mein Wille ist stark. Ich rede mir ein, du bist besser als dieser Dieter Baumann, welcher einfach aufgibt wenn er nicht mehr seine Wunschzeit erreichen kann oder sich auf seiner Position nicht wohlfühlt. Nein, ich komme an und wenn ich ab jetzt nur noch gehen kann. Das bin ich mir und meiner Verwandtschaft schuldig, welche fast 70 Kilometer einfache Fahrt auf sich genommen hat, um mich zu sehen. Für die Kilometer 38 und 39 brauchte ich unglaubliche 6:39 min sowie 6:01 min.
Nicht gerade hilfreich vernehme ich am Straßenrand folgende Worte, die ein Zuschauer einem Anderen sagt: "Ist das eigentlich erlaubt was der da macht. Wird man nicht disqualifiziert wenn man geht?" Nein wird man nicht, dass weiß ich und deshalb ignoriere ich die Leute. Nach Kilometer 40 geht es auf einmal wieder. Ich kann ohne Pausen durchlaufen und die letzen 1195 m schaffe ich, wer weiß wie, in 5:02,69 min. Und dabei erlaube ich mir sogar den Luxus das Tempo auf der Zielgeraden herauszunehmen, damit ein paar Halbmarathonis an mir noch vorbei kommen. Denn ich will hier und heute den Applaus nur für mich. Und das Konzept geht auf. Ich bin so allein, dass der Ansager mich ankündigt: " Und mit der 135 wieder ein Marathonläufer im Ziel. Wir begrüssen Frank Dienst vom TV Neuhof. Und auch er schafft es in unter 3:30 Stunden. "

  

Meine Uhr, welche ich die letzten Kilometer nicht mehr angesehen hatte um den Druck von mir zu nehmen, zeigte 3:26:09 Std.. Wahnsinn!!!!!
Ich lehnte mich, so fertig wie ich war, erstmal, gegen die Absperrung. Ein älterer Läufer kommt an, klopft mir auf die Schulter und sagt: "Klasse Junge, hätte nie gedacht das du durchkommst. So wie du teilweise rumgerannt bist." Ich erkenne den Mann wieder. Wir haben uns ab und zu überholt, als ich meine Probleme hatte. Ich bin stolz auf dieses Kompliment und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Ich habe es geschafft, ich habe meine inneren Schweinehund überwunden. Erst hier beim Schreiben dieses Berichtes wird mir richtig klar, dass diese Marathonzeit mehr Wert ist als meine Bestzeit von München 2002. Eine anspruchsvollere Strecke, fast die 2. Hälfte alleine gelaufen und gegen die Schmerzen angekämpft.
Fast zeitgleich mit mir kamen meine Mutter, Onkel und Tante an. Sie hörten die Ansage und wussten so von meinem Zieleinlauf. Sie hatten mit dem Auto genau so lange von Kilometer 36 gebraucht wie ich zu Fuss. Schau einer mal an! Auch meine Cousine und ihr Mann warteten am Ziel. Ich musste sie aber erstmal vertrösten, denn ich hatte nur noch einen Wunsch: MASSAGE. Sie lieferten mich im Zelt ab und 2 (ZWEI!!!) junge Mädels massierten mir die Beine. Direkt neben mir lag der polnische Sieger. Er hatte nicht so einen Luxus. Anschliessend versteckten wir uns ein vor dem jetzt einsetzenden Regen, der ganz schön runter prasselte. Nach kurzer Verpflegung und dem Abholen meiner Urkunde, bei der die größte Überraschung wartete, machten wir uns dann auf dem Weg zu unseren Fahrzeugen und heim.
Aber was da auf der Urkunde stand, dass war die Überraschung schlecht hin. Meine Zeit 3:26:08 Stunden und meine Platzierungen: Platz 15!!! in der männlichen Hauptklasse und Platz 89!!! in der Gesamtwertung. Damit hatte ich ja überhaupt nicht gerechnet. Aber wie oben schon geschrieben, wir alle hatten diese Hitzeprobleme beim trainieren. Nur ich habe sie scheinbar besser vertragen als der ein oder andere. Und gerade wegen diesen Ergebnissen werden die Schmerzen bald vergessen sein, welche ich heute noch ab und zu spüre. Und ich freue mich schon auf das nächste Jahr, wenn ich wieder auf die Königsdistanz im Langstreckenlauf gehen kann.


Alle Zwischenzeiten:
5km: 23:07 min; 10 km: 46:07 min; 15 km: 1:08:27 Std; 20 km: 1:31:41 Std; HM: 1:36:35 Std; 25 km: 1:55:26; 30 km: 2:19:48 Std; 35 km: 2:46:56 Std; 40 km: 3:15:33 Std,
Ziel 3:26:08 Std

P.S.: Als 4´er Mannschaft mit auf der Strecke vier ehemalige Olympiasieger, unter ihnen Waldemar Cierpinski und Hartwig Gauder (früher Geher), welche die orginal Olympia-Fackel vom München 1972 nach Leipzig brachten und somit für die Sommerolympiade 2012 Werbung machten. Genauso wie übrigens alle Teilnehmer, wie eine große Leipziger Zeitung schrieb.


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