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Bregenz 3-Länder-Marathon 2004

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Die kuriose, aber wirkliche wahre Geschichte vom
Drei-Länder-Marathon 2004 in Bregenz

Normalerweise beginnen Laufberichte mit dem Startschuss, manchmal aber auch schon mit der Anreise: Nur diesmal muss ich noch ein paar Tage weiter zurück gehen. Denn nur wenn man alles weiss, dann versteht man auch, warum ich trotz (hoffentlich) schlechtester persönlicher Marathonzeit aller Zeiten nach dem Lauf mit am besten drauf war. Also lasset uns anfangen:

Ich hatte trotz schwieriger Arbeitszeiten alles probiert, um in diesem Jahr neue Bestzeit zu laufen. Und die Zwischenergebnisse deuteten alle daraufhin, obwohl ich mich manchmal fragen musste, ob es das wert ist. Bestand mein Leben in den letzten 12 Wochen doch fast nur noch aus Schlafen, Essen, Arbeiten und Laufen. Jedenfalls sollte mich das Ergebnis dafür entschädigen. Eine Woche vor dem Marathon fand in der Rhön der TEGUT-3-Länder-Lauf statt, ein Fun-Lauf ohne Wertung, bei dem an drei unterschiedlichen Orten (je einer in Hessen, Thüringen und Bayern) gestartet wird und nach ca. 18 Kilometern das Ziel im sogenannten Drei-Länder-Eck am Schwarzen Moor erreicht wird. Nur hat es an diesem Tage nicht nur geregnet, sondern es war auch recht kühl. So kam es wie es kommen musste und ich wachte am nächsten Tag mit einer schweren Erkältung auf. Neben Husten und Schnupfen bekam ich kein Wort hinaus. Eine aufgesuchte befreundete Ärztin riet mir ungesehen vom Marathon ab, wobei ich ihr Arztstudium in Frage stellte. Ein Apothekenbesuch sorgte bei den drei anwesenden Verkäuferinnen nur für Kopfschütteln, als ich sagte ich benötigte biologische Medikamente, da ich nicht wusste was von dem chemischen Sachen so auf der Dopingliste steht.-Es sollen ja auch zufällige Dopingkontrollen bei Amateurläufern durchgeführt werden.- Nun verbesserte sich trotz allen was ich tat mein Zustand überhaupt nicht, in Wahrheit wurde er sogar schlechter. Am Donnerstag habe ich mich dann gedanklich darauf eingestellt, nicht laufen zu können. Trotzdem packte ich sicherhalthalber Laufschuhe und Laufsachen ein.
Das Mitleid war auf meiner Seite, als wir uns am Freitagmorgen um 07:00 Uhr am Petersberger Sportplatz trafen um im Bus gemeinsam nach Lindau zu fahren, wo die Marathonmesse stattfand. Unterwegs wurden noch zwei längere Stopps eingelegt. Einer auf einem Ratsplatz auf dem das obligatorische Läuferfrühstück stattfand, ein zweiter in Rothenburg o.d. Tauber, wo man die historische Altstadt besichtigen konnte. Gegen Abend wurde nach dem Bezug der Jugendherberge noch Bregenz unsicher gemacht.

Am Samstag stand ein kleines Kontrastprogramm auf dem Plan. Unser Organisatior Werner hatte einen Ausflug auf den Pfänder geplant, einen Berg vor dem Toren Bregenz. Oben sollte eine ca. 3 Kilometer lange Strecke bis zu einer Hütte gewandert werden. Hier bestand für die Marathonläufer die Möglichkeit dann umzukehren, was auch alle dankend annahmen. Auch einige Halbmarathonis und 10´er drehten um, obwohl nach ca. 8 Kilometer eine weiterere Ausstiegsmöglichkeit bestand. Ich kämpfte mich mit den mitgereisten Fans weiter bergauf und bergab. Dabei hatte ich mich total dick angezogen, obwohl es richtig warm geworden ist. Ich schwitzte mir einen ab,und dabei schwitze ich mir auch die Erkältung raus. Als ich mit der 18:00 Uhr Bergbahn nach ca. 25 Kilometern und 8 Stunden (incl. Pausen) als einer der letzten den Pfänder verliess, ging es mir richtig gut. Ich hatte wieder leichte Hoffnung. In der Nacht dann ein weiterer Dämpfer. Zum Spott des Zimmers bekam ich einen Wadenkrampf. Noch mal zur Info, der Marathon war noch nicht gelaufen.



Wie sich herausstellte, befand sich in unserer Laufgruppe ein Allgemeinmediziner. Er schaute mir vor dem Frühstück in den Hals und stellte fest, dass außer einer Rötung nichts weiter zu sehen war. Er gab mir das okay zum Start, aber mit der Vorgabe auf die Bestzeit zu verzichten, den ansonsten würde ich den Marathon nicht durchstehen, da mir doch sehr viel Kraft fehlen würde. Ich versprach ihm mich daran zu halten und zog mich um. Was für ein Hallo im Frühstückssaal, als ich verkündete, dass ich laufen und mich als Zugläufer für einen Anfänger zur Verfügung stellen würde. Diese schauten etwas ungläubig und als ich sagte es wäre ein echtes Angebot, da nahm mit Petra auch eine dies an.
     

     

Und nun kommen wir endlich auch zum Lauf selbst:
Mit dem Boot setzten wir von Bregenz nach Lindau über, wo sich der Start befand. Hier wurde ein Aufwärmprogramm angeboten, welches regen Zuspruch fand. 10 Minuten vor dem Start gingen wir in unseren Startblock und zu meiner Überraschung traf ich hier einen alten Bekannten vom Nordseelauf 2002. Pünktlich 11:00 Uhr ging es dann los. Langsam setzte sich das Feld in Bewegung. Ich war froh, dass ich mir noch ein Trägertrikot geborgt hatte, auch wenn es sich um ein Frauentrikot handelte. Ein Fön brachte richtig warmes Wetter und die Sonne bruzzelte hinunter. Ich hatte mich mit Petra geeinigt, dass sie das Tempo selber machen sollte und ich sie nur zurückpfeifen würde, wenn ich meinte sie wäre zu schnell. Es war für uns beide eine gute Lösung. Auch andere Halbmarathonis aus Petersberg hatten sich die ersten Kilometer in unseren Windschatten versteckt. Weiterhin trug ich Petras Getränkefläschchen, von denen sie sich nicht trennen konnte. Und das war im nachhinein wegen dem Wetter auch gut so. Apropo Pfeife: Das mit dem zurückpfeifen war ernstgemeint, denn ich hatte mir eine Trillerpfeife um den Hals gehängt. Diese benutzte ich dann um mir entweder Platz zu verschaffen, wenn ich mich wieder an Petra rankämpfen musste, nachdem ich ihre Fläschchen neu befüllt hatte, oder um die Zuschauer anzuspornen, welche tatenlos dastanden. Und die Reaktionen waren total unterschiedlich: Die meisten Zuschauer waren sprach- und fassungslos, dass man trotz der Belastung und der Hitze noch zu solchen Spässen aufgelegt sein kann. Einige wenige fanden es aber gar nicht lustig. So drohte mir ein unbekannter Mitläufer in österreichischen Dialekt Prügel an, sollte ich nicht sofort mit dem Krach aufhören. Da blieb mir nichts anderes übrig, als mich umzudrehen, einen total erschöpften Mann zu sehen und ihn höflich zu erwidern, dass ich damit leben könnte, wenn er mich kriegen würde. Also erhöhte ich kurz das Tempo und wart nie mehr gesehen. Petra jedenfalls, welche mich ja 42 Kilometer ertragen musste, hatte überhaupt keine Probleme damit.

Aber zurück zum Lauf selber. Nach 10 Kilometern waren wir erstmals wieder in Bregenz. Hier erwartete uns der Petersberger Fanclub. Unter grossen Getösse wurden wir auf die weitere Strecke geschickt. Die Strecke verläuft auf den ersten 13 Kilometern entlang des Sees, windet sich in Seenähe zwischen Kilometer 13 und 18 und zurück zwischen Kilometer 35 und 42. Eine Schleife führt in die Schweiz (Grenzüberlauf bei Kilometer 25). Das Ziel ist dann Bregenzer Stadion. Wir verliessen also bei Kilometer 14 Bregenz und sahen die Halbmarathonies auf ihren letzten Metern zurück zum Ziel. Bis Kilometer 17 waren beide Strecken identisch, dann folgte die Streckenteilung. Und ab hier wurde es auch ruhiger auf der Strecke. Es wurden weniger Läufer (1126 Finisher auf der Marathonstrecke) und auch die Zuschauer musste man suchen. Leider sah man am Rand auch den ein oder anderen Petersberger, welcher aufgegeben hatte. Aber auch wir mussten mal kurz an unseren Zustand zweifeln. So wurde eine Baustellenbrücke zur Zitterpartie. Durch das gleichmässige Auftreten begann die Brücke zu wanken und nicht nur wir meinten, es läge am Kreislauf. So liefen wir immer weiter und was mich total überraschte war, dass Petra trotz des Wetters ihr Tempo hielt. Langsam begannen wir andere Petersberger Läufer einzuholen. Viele kämpften mit den ungewohnten Wetter, eine, nämlich Ute, mit ihren Schuhen. Da diese nicht wollten wie sie sollten, lief Ute halt barfuss weiter. Und kam an. 5 Kilometer vor dem Ziel liefen wir auf einen total kaputten Jochen auf. Er war richtig kaputt und konnte sogar unseren jetzt langsamer werdenden Tempo nicht mehr mithalten. Bei Kilometer 40 kam er auf einmal wieder an, zog mich zur Seite und sagte: "Du glaubst doch nicht, dass ich mich von einer Anfängerin schlagen lasse." Also gab er Gas und lief uns aus dem Augen. Sein Lachen verging ihn aber als er nach dem Lauf auf die Ergebnisliste schaute. Da er am Start ganz weit vorne stand und wir ja am Schluss des Feldes waren wir am Ende 15 Sekunden kürzer unterwegs. Aber Jochen zum Trost: Petra war auch schneller als ich!
Aber egal, denn ich hatte richtig Spass. Eigentlich noch mehr als letztes Jahr in Amsterdam bei meiner ersten Anfängerbetreuung. Nicht nur wegen meiner Trillerpfeife, welche weithin verkündete, dass ich noch Luft habe, sondern auch weil ich solche Aktionen wie diese hier richtig genoss. So stand zum Beispiel ein Mann am Straßenrand und begrüsste die Läufer mit den Worten "Ihr seid roque!". Da blieb mir nichts anderes übrig als kurz stehenzubleiben und zu ihn zu sagen: "Du aber auch roque!" Worauf er: "Nein Ihr roque!" und ich wieder "Du aber auch roque!" Das hätte eigentlich immer so weitergehen können, aber ich musste ja weiter. Auch was das sollte? Das macht man nun mal so unter SPORTFREUNDEN.
 
     








So bei Kilometer 34 hatten wir aber auch ein Erlebnis, welches ich nicht so schnell vergessen kann. So liefen wir auf einen jungen Mann auf, welcher eigentlich nur noch wankte. Ich sprach ihn an, ob es noch ginge und er lallte nur etwas. Ca. 400 m vor uns sah ich die nächste Getränkestation. Ich erhöhte das Tempo und lief zu den Helfern. Nachdem ich ihn die Situation schilderte und sagte, man solle diesen Mann aus dem Rennen nehmen, kam einer der Helfer zu mir uns sagte, ich solle ihn den Mann zeigen. In diesen Moment sahen wir beide, wie der Mann umfiel. Der Helfer griff sofort zum Telefon und ich lief zurück zu den Mann. Unterwegs rief ich Petra zu, sie solle normal weiterlaufen. In der Zwischenzeit liefen eigentlich alle anderen Läufer an dem immer noch auf den Boden liegenden Mann vorbei. Ich setzte ihn auf und gab ihn von unseren Getränken. Zum Glück war er nur erschöpft und nicht bewusstlos. In der Zwischenzeit ist auch der Helfer mit Wasser gekommen und der Nachricht, der Rettungswagen sei gleich da. Nach ca. 3 Minuten setzte ich dann den Lauf fort. Ich hatte richtige Wut im Bauch und fragte mich, warum niemand weiter angehalten hatte. Jeder hat zwar ein Ziel, aber kommt es denn auf jede Sekunde an, wenn man um die 4 Stunden und langsamer läuft. Ich behaupte mal, ich wäre auch kurz stehengeblieben, wenn ich auf Bestzeitkurs gewesen wäre. Denn ich erwarte ja auch, dass sich jemand um mich kümmert, wenn mir so etwas passieren würde. Aber soll ich glauben, was mir viele nach dem Lauf sagten. Es läge daran, dass die Läufer nur noch im Tran laufen würden, also einen Tunnelblick hätten. Ich brauchte übrigens fast 2 Kilometer bis ich Petra wieder eingeholt hatte. Und für diese beiden Kilometer brauchte ich keine 9 Minuten. Danach spürte ich auch erstmals meine Wade von letzter Nacht und ich konnte längere Zeit wegen Luftmangels nicht trillern.

Aber genau zum richtigen Zeitpunkt war ich wieder fit. Bei Kilometer 40 sagte Petra auf einmal, dass sie nicht mehr könne bzw. nicht mehr wolle. Ich traute meinen Ohren nicht. Nach all der Strapazen soetwas. Unter Androhung von Gewalt erklärte ich ihr, dass Aussteigen nicht mehr möglich sei. Sie musste zwar kurz gehen, aber danach ging es weiter. Es fehlte einfach die Unterstützung von außen, aber sie musste ja weiter, wenn sie das schönste beim Marathon erleben möchte, den Zieleinlauf. Und irgendwie war ich total überrascht wie gut sie doch drauf war. Erstens kam der Mann mit dem Hammer erst bei Kilometer 38 und das bei einem Anfänger und diesen Temperaturen. Und zweitens waren wir viel schneller unterwegs als sie vor dem Lauf gedacht hatte. Träumte sie vorher von einer Zielzeit um die 4:30 Uhr liefen wir jetzt auf eine Zeit unter 4:10 Stunden zu. Also quälte ich sie die letzten beiden Kilometer bis zum Stadion. Davor standen auch wieder Zuschauer, auch die Petersberger Fans und einige Halbmarathonis. Petra hatte keinen Blick für sie, ich liess es mir aber nicht entgehen mit ihnen zu feiern. So liefen wir ins Stadion ein, wo nocheinmal 100 Meter zurückgelegt werden mussten. Auf der Rasenseite standen die anderen Finisher der Petersberger. Während Petra geradewegs durchs Ziel lief, rannte ich zu den Petersbergern, klatschte jeden einzeln ab und machte anschließend noch die La-Ola-Welle mit ihnen. Dann noch mal umgedreht und La-Ola mit der vollbesetzten Tribüne. Anschliessend ging es mit erhobenen Armen über die Ziellinie. Als ob ich diesen Lauf gewonnen hätte, freute ich mich mit Petra und natürlich über diese 4:07:13 Stunden.     
Es ist zwar der volle Horror länger als 4 Stunden zu laufen und ich hoffe auch dies nie wieder tun zu müssen, aber unter diesen Umständen. Da ich mich von vornherein auf so eine Zeit eingestellt hatte, konnte ich trotzdem lachen. Anders ging es den anderen Petersbergern. Keiner hatte seine angestrebte Zeit geschafft, zwei mussten sogar aufgeben. Und trotzdem strahlten alle mit Petra um die Wette oder lachten über mich. Denn in meiner Freundlichkeit zu meinen Fans liess ich mich ausnutzen. Drei Kinder, welche vor unserer Jugendherberge spielten, freuten sich als ich mit Rassel und Trillerpfeife ausgerüstet ankam. Ihrer Bitte auch mal rasseln und pfeifen zu können, konnte ich genauso wenig wiedersprechen wie der Aufforderung doch um sie herumzulaufen. Und so begann mein 15 minütiges Auslaufprogramm mit ständigen Richtungswechseln. Zum Glück erlösten mich die anderen dann indem sie den Kindern die Krachmacher entrissen und ich konnte endlich unter die Dusche.

Am Abend feierten wir dann in einen angemieteten Raum unseren Jahresabschluss und um Mitternacht den Geburtstag unseres Lauftreffleiters.
Auf der Rückfahrt am Montag machten wir dann eine längere Pause in Ulm. Ratet mal, welcher von den Marathonläufern mit auf den mit 161 m höchsten Kirchturm der Welt ging, mit seinen 768 Stufen.




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